Paketkollaps: Adé letzte Meile?

Von: | 20. November 2017
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Dieses Jahr könnte es in Sachen Weihnachtslogistik richtig eng werden. Die Paketdienstleister sind jetzt schon am Anschlag, tausende Stellen für Paketfahrer sind weiterhin unbesetzt und vor allem an belebten Standorten platzen die Packstationen aus allen Nähten. Und im Weihnachtsgeschäft werden wohl 30 Millionen Pakete mehr als im Vorjahr auf die Reise gehen.

Bild: josefkubes @ bigstock

Bild: josefkubes @ bigstock

Wenn es unterm Weihnachtsbaum also lange Gesichter gibt, sei das hauptsächlich die Schuld der Logistik-Dienstleister, argumentieren einige Branchenbeobachter. Für Jochen Krisch, der schon seit diesem Sommer vor einem Paketkollaps zu Weihnachten warnt, ist klar: DHL, Hermes und Co. haben die Wachstumsdynamik des E-Commerce seit Jahren unterschätzt – und werden jetzt von einer Welle überrollt, die sie nicht mehr beherrschen können. Andere Experten wie auch Claus Fahlbusch, CEO des Versandschnittstellen-Anbieters shipcloud, sind der Ansicht: In einem Tsunami kann man nicht surfen.

Herr Fahlbusch, 30 Millionen Pakete mehr werden in diesem Weihnachtsgeschäft auf die Reise gehen als letzten Jahr. Steuern wir auf einen Paketkollaps zu oder haarscharf dran vorbei?

Claus Fahlbusch: Ich gehe davon aus, dass wir nahe an den Kollaps herankommen. Wie nahe, hängt noch von der Wetterlage ab. Wenn es im Dezember viel Schnee und glatte Straßen gibt, kriegen wir es dieses Jahr wohl nicht mehr gewuppt und unterm Baum werden einige Päckchen fehlen. Die meisten Paketdienstleister sind mit ihren Kapazitäten komplett am Anschlag.

Aber warum? Die E-Commerce-Wachstumsraten sind doch seit Jahren stabil zweistellig, das steigende Paketvolumen war also leicht vorauszuberechnen.

Fahlbusch: Ich glaube schon, dass die Paketdienstleister versucht haben, sich auf das Volumen einzustellen, aber man trifft einfach auf eine physikalische Grenze. Man findet keine Fahrer mehr, die Straßen sind verstopft, auch Standorte für Paketshops oder Packstationen gibt es nicht wie Sand am Meer. Über natürliche Grenzen kommt man auch mit guter Planung nicht hinaus.

Naja, die DHL liegt in jedem Fall unter ihrer eigenen Planung, was die Zahl der Paketstationen angeht…

Fahlbusch: Mehr Paketstationen hätten das Problem auch nicht gelöst. Die sind platzmäßig begrenzt und nicht auf die Paketgrößen ausgerichtet, die heutzutage versendet werden. Jedes Windelpaket ist größer als die Standardfächer einer Packstation.

Aber was würde das Problem dann lösen?

Fahlbusch: Man könnte es zumindest deutlich entschärfen, wenn die letzte Meile in Zukunft an einem zentralen Sammelpunkt enden würde und nicht an der Haustür. Die Haustürlieferung mit ihren ganzen Unwägbarkeiten – der Fahrer kann nirgends parken, der Kunde ist nicht zuhause, Verkehrsströme behindert die Zustellung in kleinen Zeitfenstern etc. – wird auf Dauer nicht mehr funktionieren. Stattdessen könnte der günstige Versand zu einer Sammelstelle, sei es an der Tankstelle, im Supermarkt oder im Paketshop, von der der Kunde seine Pakete selbst abholt, der kostengünstige Standard werden – und die Einzelzustellung bis an die Haustür wird dafür zum teuren Extra-Service.

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Da heißt es von deutschen Branchenteilnehmern gern: Das wird in Deutschland nicht funktionieren, hier geht nur kostenloser Versand- und Rückversand. Bis an die Haustür, wohl gemerkt.

Fahlbusch: Das klappt aber nicht. Wenn wir bei der Haustürlieferung bleiben wollen, brauchen wir viel mehr Fahrer. Dafür muss der Job aber attraktiver werden – und das heißt vor allem: besser bezahlt. Aber dann müssen auch die Paketpreise hoch, sonst arbeitet die gesamte Logistikbranche unrentabel. Es ist doch so: Die realen Kosten für den Haustürversand sind enorm hoch – und die Versandkosten müssen sich früher oder später daran anpassen. Das ist ja nicht gerade Raketenwissenschaft: Nirgends in der EU sind die Preise für Paketversand so niedrig wie bei uns.

Mit solchen Thesen machen Sie sich unter Online-Händlern nicht gerade beliebt…

Fahlbusch: Das ist mir klar. Zu uns kommen regelmäßig Händler, die klar sagen: Ich muss meine Pakete für maximal 2,50 Euro pro Stück verschicken, sonst funktioniert mein Geschäftsmodell nicht. Gleichzeitig brauchen sie maximalen Service, um beim Kunden zu punkten. Das passt nicht zusammen. Hier muss ein Mentalitätswechsel stattfinden.

Gehen wir mal davon aus, dass der Paketversand tatsächlich in den kommenden Jahren massiv ansteigt…

Fahlbusch: Das wird auf jeden Fall kommen, und dann mit der Keule. Da gehen dann die Logistikpreise auf einen Schlag um 10 oder 20 Prozent hoch, sage ich Ihnen.

Wie werden die Konsumenten reagieren, wenn sie Hin- und Rückversand teuer bezahlen müssen? Wird das das E-Commerce-Wachstum bremsen?

Fahlbusch: Das glaube ich nicht. Sicher, in manchen Segmenten werden sich die Verbraucher vielleicht genauer überlegen, wieviel sie bestellen und wieviel sie zurückschicken. Aber dafür werden erst durch reelle Versandpreise ganz neue Sortimente für den E-Commerce attraktiv. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass die aktuell schon hohen Click&Collect-Anteile am Online-Umsatz mit der Versandkostensteigerung noch deutlich nach oben gehen werden. Umgekehrt wird es dann ganz viele Start-ups geben, die sich ausschließlich um die erste und letzte Meile kümmern.

Sie sprechen von Unternehmen wie z.B. qool, das gekühlte Abholboxen für online bestellte Lebensmittel anbietet?

Fahlbusch: Das ist eine von vielen interessanten Ideen. Aber aktuell können diese Start-ups noch nicht wirtschaftlich arbeiten, weil sie mit den niedrigen Versandkosten der KEP-Dienstleister konkurrieren müssen. Aber das muss und wird sich bald ändern.

Vielen Dank für das Interview.

Autorenfoto bewegt sich seit 1997 beruflich im Internethandel, gilt als E-Commerce Experte und verfügt über große gelebte Praxiserfahrung. Er ist Autor mehrerer Fachbücher und einer Vielzahl von Fachartikeln zu allen Aspekten des Onlinegeschäfts. Heute berät und begleitet er vor allem mittelständische Unternehmen im E-Commerce.
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9 Comments »

  1. Nana,

    das kann ja gar nicht sein, Kollege Meixner hat sich doch erst vor 10 Tagen unterjubeln lassen, dass DHL bestens gerüstet ist – ein Artikel über den ich mich extrem geärgert hab, da es bei uns schon seit Ende Oktober auf allen Ebenen knirscht und beisst.

    „Konkurrent DHL gibt sich im Gespräch mit neuhandeln.de übrigens gelassen – trotz drohendem Stress im Weihnachtsgeschäft. So plant DHL keine Obergrenzen für Versender, wie der Konzern gegenüber neuhandeln.de betont. Denn bei den Vorbereitungen für den „Starkverkehr“ vor Weihnachten plane DHL seine Mengen so, dass man die eigenen Kapazitäten entsprechend darauf ausrichten könne.“
    http://neuhandeln.de/weihnachtsgeschaeft-hermes-deckelt-versand-dhl-sieht-sich-geruestet/

    Kommentar by michael wiechert — 20. November 2017 @ 15:03

  2. Und ganz generell:

    Das Problem liegt doch nicht nur auf der letzten Meile.

    Zum ersten sind (zumindest bei DHL) die offiziellen Laufzeitreports schon geschönt – diese beginnen nämlich erst ab dem ersten Scan.

    Wenn Pakete also zwar taggleich eingeliefert werden, aber dann nicht mehr im Start-Paketzentrum verarbeitet werden und erst am anderen Tag ihren Eingangsscan bekommen, zählen die dennoch unter E+1.

    Wir sehen aber bei vielen Lieferanten, dass genau dies vorkommt und so Ware 2 Tage zu uns unterwegs ist, was schonmal Druck auf die Pipeline bringt.

    Wenn dann bei uns noch dazukommt, dass wir feststellen müssen, dass die Pakete die der polnische Sub (die anscheinend die halbe Leipziger Region abholen)um 16 Uhr bei uns abholt regelmäßig im 20 Minuten entfernten Radefeld nicht mehr verarbeitet werden, ist dies natürlich extrem unlustig.

    „Lösung“ – wir werden jetzt um 14 Uhr abgeholt.

    Zustände wie vor 7 Jahren als wir in Mittelsachsen in nem 80-Einwohner-Dorf angefangen haben mit Wurfantenne aus dem Fenster ins schwiegerväterliche 1000er-DSL-Wlan eingeloggt, weil kein anderes DSL bekommbar) und wie die Wahl hatten 5 km entfernt in ner Postffiliale um 12 oder 10 km entfernt bis 15 Uhr aufzuliefern..:

    (Soll jetzt kein reines DHL-Bashing sein, bei GLS bekomm ich meine Lieferungen erst nach 15 Uhr, DPD tw auch und Hermes holt mal schon um 14 Uhr ab statt wie gewünscht um 16, 17 Uhr…)

    Sprich: An Kapazitätsengpässen bei den Zustellern liegt es sicherlich nicht allein. Da knirscht es auf allen Ebenen – und dies schon seit Wochen.

    Kommentar by michael wiechert — 20. November 2017 @ 15:15

  3. Kein Wunder, wer AMA-Pakete in Massen zum Spottpreis priorisiert, da muss der kleine Mann auf der Strecke bleiben. Wie so oft, die großen Kacken und die Kleinen können dann dafür bezahlen.

    Kommentar by Nix — 21. November 2017 @ 10:03

  4. Wer sich mal die Auswüchse beim Kampf um die letzte Meile anschauen möchte: Hier eine aktuelle Marktübersicht über die verfügbaren Paketkastensysteme in Deutschland – http://www.paketkasten-vergleich.de/

    Kommentar by Peter Höschl — 22. November 2017 @ 08:04

  5. Eine flexible Zustellung ab Hub bis zur Haustür könnte vor allen das Verkehrsproblem entschärfen. In Berlin gibt es schon jetzt vor lauter Paketautos kein durchkommen mehr. Mit unserem Packator Netzwerk können zumindest bei der Abholung und beim Fulfilment helfen.

    Kommentar by Michael — 22. November 2017 @ 09:03

  6. Hallo, in dieser Peakseason wird es erstmals ersichtlich, welches Problem wir uns mit dem kostenlosen Versand selber geschaffen haben. Ausserdem vermisse ich einen weiteren Warenstrom: DIE ANSTEHENDEN RETOUREN: Auch dies machen wir für den Kunden natürlich kostenlos.
    Ich bin gespannt wie tränenreich dieser Service abgewickelt wird

    Nicola Straub Antwort vom Dezember 4th, 2017 15:19:

    Absolut: Die Retourenphase wird eine weitere Belastungszeit werden. Zudem finden dann auch noch die Käufe all derer statt, die Gutscheine oder Geld bekommen haben. Da geht es dann also in beiden Richtungen noch einmal hoch her.

    Kommentar by W. Appelhans — 28. November 2017 @ 10:19

  7. […] einstellen – und diese auch gegenüber den Kunden kommunizieren. ->E-Commerce Vision; ->shopanbieter.de; ->Hermes […]

    Pingback by E-Commerce Themen im November 2017 – Leseempfehlung von Cyberday für Shop-Betreiber | CYBERDAY GmbH Blog — 4. Dezember 2017 @ 12:06

  8. […] GLS, DPD: Es sind noch vier Wochen bis Weihnachten, aber alle Logistikunternehmen kommen offenbar jetzt bereits an ihre Grenzen. Heute morgen schrieb eine Paketshop-Inhaberin in einer Facebook-E-Commercegruppe, dass sie als […]

    Pingback by Paketchaos: Es geht bereits los… » Blog für den Onlinehandel — 4. Dezember 2017 @ 15:20

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